28.05.2018

Vortrag: Reinhild Elisabeth Rössler, Die Historizität der Wahrheit – Geschichte, Recht und Politik in der Exegese des 12. Jahrhunderts (30. 5. 2018)

Im Rahmen der Vortragsreihe „Geschichte am Mittwoch“ des Instituts für Geschichte an der Universität Wien spricht am 30. Mai 2018 Reinhild Elisabeth Rössler, Universitätsassistentin am Institut für Österreichische Geschichtsforschung, zum Thema „Die Historizität der Wahrheit – Geschichte, Recht und Politik in der Exegese des 12. Jahrhunderts“. Die Veranstaltung beginnt um 18.30 Uhr im Hörsaal 30 am Hauptgebäude der Universität Wien.

Abstract:

Moderne Demokratien in Mittel- und Westeuropa beruhen in ihren politischen und rechtlichen Strukturen wesentlich auf zwei Pfeilern: Einerseits die jüngere Geschichte, vor allem des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkriegs als zu vermeidende Szenarien, und andererseits die sich als sinnvoll und notwendig für eine stabile Gesellschaft herausgebildeten Grund- und Menschenrechte. Die Geschichte erscheint also sowohl positiv wie auch negativ konstituierend für unser politisches und rechtliches System.

Stellt man die Frage nach den Fundamenten politischer und rechtlicher Ideen an die Quellen des 12. Jahrhunderts, finden sich Antworten in einer Quellengattung, die überrascht und in Format und Anspruch zunächst nicht einem politischen oder rechtlichen Traktat entsprecht – die hochmittelalterliche Exegese. Radulfus Niger (ca.1140–ca.1199) erarbeitete aus den historischen Büchern des Alten Testamentes – den Büchern der Könige und dem Paralipomenon – die Grundlage für eine politische und rechtliche Struktur der Gesellschaft seiner Zeit. Dabei lassen sich für ihn zwei Ursprünge einer stabilen politischen Ordnung festmachen, ein statischer und ein dynamischer: auf der einen Seite eine unveränderliche normative Wahrheit, die sich aus dem richtigen Verständnis der Bibelstellen ergibt und auf der anderen Seite die Historisierung dieser Wahrheit zunächst in dem biblischen Geschehnis selbst und dann in der nachbiblischen Geschichte bis hin zur Gegenwart. In einer Kombination beider Grundlagen bietet sich für ihn die Möglichkeit einer (Re)konstruktion von Geschichte und Wahrheit in der Form eines politischen Systems. Ein anschauliches Beispiel dieses Ansatzes bietet sein Umgang mit dem römischen Recht, in welchem er selbst für einen englischen Geistlichen seiner Zeit erstaunlich gut bewandert war. Der Vortrag versucht anhand dieses Beispiels, die Verbindung von Bibel, Geschichte und politischer Gegenwart bei dem hochmittelalterlichen Denker Radulfus Niger vorzustellen.